Mareike Harm als erste Frau beim Weltcup Fahren

Mareike Harm als erste Frau beim Weltcup Fahren

Wer an Vierspänner-Kutschenfahrer denkt, der denkt sofort an weites Gelände, lange Strecken und mächtige Hindernisse und sportliche Kutschen. Es gibt auch Dressur-Aufgaben in verschiedenen Gangarten ähnlich wie beim Dressurreiten oder Hindernisfahren, wo es besonders um Geschicklichkeit geht. Beim Internationalen Springturnier „Jumping Indoor Maastricht“ finden neben den Springprüfungen auch Wettkämpfe für Vierspänner-Fahrer statt. Es geht um viel, denn es ist Weltcup. Zehn der besten Vierspänner-Fahrer der Welt kämpfen in einer Serie von zehn Turnieren um die begehrte Trophäe. Obwohl die Halle groß ist, sie ist für Springturniere gedacht. Der Platz ist begrenzt und man könnte meinen, es geht für die Vierspänner hier vor allem um Geschicklichkeitsprüfungen. Das Gegenteil ist der Fall. Full-Speed beschreibt das Ganze treffender. Flotte, moderne Musik macht den Wettkampf zur Show. Und das Publikum ist begeistert.

Mit dabei ist die 34-jährige Mareike Harm aus Negernbötel in Schleswig-Holstein. Maastricht ist ihr erstes Indoor-Turnier und es ist zugleich eine Sensation. Denn noch nie hat eine Frau an einem Weltcup im Fahrsport teilgenommen. Mit Platz Acht auf der Weltrangliste hat sie sich für den Weltcup qualifiziert. Sehr sehr hohes Tempo und sehr technische Elementen in künstlichen Gelände-Hindernissen wechseln sich ab. Beim Geländefahren, auch Marathon genannt, müssen die großen Gespanne natürliche und künstliche Hindernisse überwinden, und zwar in einer kilometerlangen Strecke. Und genau das, das Gelände-Fahren, darum geht es beim Weltcup – allerdings verlegt in eine Halle.

 

“Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal unter den Top Ten der Besten der Welt sein kann. Und ich hätte auch nie gedacht, dass ich tatsächlich Weltcup fahren werde. Es ist wirklich ein unglaublich hohes Tempo, das da gefahren wird.” Mareike Harm

Im Gespräch mit Mareike Harm

Indoor für einen Kutschenfahrer: Ist das nicht schräg?

Mareike Harm: „Jaaa, das ist schräg, aber alle haben gesagt, ich war mir ja gar nicht sicher am Anfang, ob ich das überhaupt mit machen soll, weil ja klar ist, dass ich da eigentlich gar keine Chance habe, gut platziert zu werden. Aber alle sagen, es ist so etwas Besonderes, diese Indoor-Turniere zu fahren, das ist so toll, hier in den großen Hallen mit zu machen, dass ich dann auch gesagt habe, ich mache das einfach mal. Wir haben Spaß und nehmen eine Menge Erfahrung mit und vielleicht ist das auch eine Chance, sich im Marathon zu verbessern.“

Verbessern – wie das?

Weltcup Vierspänner das ist Full Speed, es ist eine Kombination aus Kegelfahren, sehr sehr hohem Tempo und sehr technischen Elementen in den Gelände-Hindernissen. Zwei Gelände-Hindernisse sind nachgebildet und dazwischen Kegel. Beim Indoor-Fahren geht es natürlich um Geschicklichkeit, aber vor allem um Geschwindigkeit. Und man übt den ganzen Winter, diese Geländehindernisse zu fahren. Es ist ein ganz anderes Tempo als draußen, ein viel höheres Grundtempo und man wird dann auch schneller mit den Händen, schneller im Greifen.“

Mareike Harm liegt in der Weltrangliste auf Platz acht in der Welt. Dennoch meint sie selbst, dass sie keine Chance auf eine gute Platzierung im Weltcup habe.

Meine stärksten Disziplinen sind Dressur und Kegelfahren. Im Gelände bin ich einfach nicht so stark wie die Männer. Das hat natürlich auch ein bisschen was mit Kraft zu tun, hier beim Indoor-Fahren ist es wirklich eine reine Geschwindigkeitssache. Die anderen Männer machen das schon seit vielen vielen Jahren, haben extra Indoor-Gespanne, die sie sich über eine lange Zeit aufgebaut haben. Bei mir war erst relativ spät klar, erst Mitte der Saison in Aachen, ooh, es könnte sein, dass wir uns qualifiziert haben.“

Warm fahren sich die sechs Gespanne auf dem Vorbereitungs-Platz gleichzeitig. Ist der Platz nicht viel zu klein?

Das ist schon groß. Diese Fläche ist sehr schön. London habe ich gehört, ist wirklich eine 20×40 Abreite-Halle mit Pfosten in der Mitte – das wird dann spannender. Hier haben wir schon ziemlich viel Platz zur Verfügung.“

Auf dem Turnier hat Mareike Harm fünf Pferde mit, für den internationalen Sport aber 17 Pferde im Training. Insgesamt sind sie in Maastricht zu dritt. Den Lkw von Schleswig-Holstein fährt sie selbst, wie zu allen anderen Stationen auch. Nach London wird es mit der Fähre gehen.

Insgesamt haben sich zehn Teilnehmer für den Weltcup qualifiziert, aber nicht jeder fährt jedes Turnier. Mareike Harm muss vier Turniere fahren. Neben Maastricht werden das Stockholm, Genf und London sein. In Stuttgart hat sie eine Wildcard und kann dort Erfahrungen sammeln. Weltcup-Punkte wird es für sie dort nicht geben.

Einigkeit bei der Teambesprechung

Eine Frau in der Männerwelt Vierspänner-Fahren

Mareike Harm ist die erste Frau in der Geschichte des Weltcups Fahren. Als Frau in der Männerwelt – Wo liegt da für Dich die Besonderheit? Oder ist es gar keine?

Doch! Klar. Es ist schon etwas besonderes. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal unter den Top Ten der Besten der Welt sein kann, und ich hätte auch nie gedacht, dass ich dann tatsächlich Weltcup fahren werde. Denn es ist ein so unglaublich hohes Tempo, das die anderen da fahren. Und ich habe noch die besondere Herausforderung, dass ich kein spezielles Indoor-Gespann habe, sondern ich fahre mit meinen Dressur-Pferden. Die anderen haben also ganz kleine, ganz schnelle, ganz wendige Lipizzaner, die die nur für die Halle nehmen, und ja, ich habe meine Dressur-Pferde dabei.“ Und dabei lacht Mareike sehr.

2010 wurde Mareike Deutscher Meister und Team-Weltmeister im Einspänner-Fahren. Dann fasste sie einen Plan:

Ich habe einfach beschlossen, alle Einspänner-Pferde zusammen in einen Vierspänner zusammen zu spannen und bin dann vom Einspänner-Sport den ungewöhnlichen Weg direkt in den Vierspänner-Sport gegangen. Alle haben mich glaube ich für verrückt erklärt, und belächelt, weil ich ja gar keine Erfahrung hatte und dann noch als Frau. Aber das hat gut funktioniert, weil die Pferde waren dressurmäßig alle gut gearbeitet und gut drauf, so dass wir dann ziemlich schnell im Vierspänner-Sport in der Dressur Platzierungen hatten. Aber mit dem Geländefahren, das ist dann eben ein langer Weg. Und dann noch als Frau – das ist schon nicht so einfach.“

 

Warum ist es als Frau nicht so einfach?

Ja es hat schon so ein kleines bisschen auch mit Kraft zu tun. Wenn man mit vier Pferden Vollgas ins Hindernis rein fährt und die dann vor der ersten Kurve dann zurück holen muss, dann hat man teilweise auch schon einmal etwas in der Hand! Ich kann dann eben nur so schnell rein fahren, [lacht] wie ich sie auch wieder zurück bekomme und um die Kurve bekomme am Ende [lacht weiter].“

 

 

Jedes Pferd ist anders und hat komplett andere Bedürfnisse im Umgang. Gerade im Fahrsport muss man vier davon zu einer Einheit formen. Du musst aus jedem Pferd das Beste auf den Punkt rausholen. Das fasziniert mich nicht nur am Pferd, sondern auch am Vierspänner-Fahren.“

Weltcup-Punkte für den dritten Platz

In der Prüfung bekommt sie die Pferde auf Tempo und auch wieder gebremst. Ihr erstes Indoor-Turnier lief hervorragend. “Ich bin megaglücklich. Es hätte nicht besser laufen können bei unserem ersten Worldcup-Turnier. Die Pferde waren richtig gut drauf und haben alles gegeben.” Mareike Harm landete auf dem 4. Platz. Weil Bram Chardon mit einer Wildcard startete, zählen für sie die Weltcup-Punkte für den dritten Platz. Mareike startet nächste Woche mit einer Wildcard in Stuttgart.

Stationen Weltcup Vierspänner 2019-2020

Lyon/Frankreich, Maastricht/Niederlande, Stuttgart/Deutschland, Stockholm/Schweden, Budapest/Ungarn, Genf/Schweiz, London/Großbritannien, Mechelen/Belgien, Leipzig/Deutschland, Bordeaux/Frankreich – Finale 7.-9. Februar 2020

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